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Picasso im Tal der Aa

 

Unweit der Stadt Saint Omer, gelegen im nordfranzösischen Landkreis Pas de Calais, gibt es eine kleine, jedoch durchaus attraktive Museumseisenbahn: Zwischen Arques und Lumbres pendelt samstags, sowie an Sonn- und Feiertagen ein Vertreter der einzigartigen und inzwischen bereits legendären französischen Nahverkehrs-Triebwagen mit dem Spitznamen „Picasso“.

 

Die kurioseste Besonderheit der vierachsigen SNCF-Triebwagenbaureihe mit der Bezeichnung „X 3800“ erschließt sich auf den ersten Blick: Jener über dem Wagendach unter einer Kanzel angeordnete Führerstand ist unweigerlicher Hingucker, sobald sich das urige Vehikel dem Bahnsteig nähert. Die Ausformung dieser Dachkanzel mag entfernt an Elemente aus kubistischen Bildern Pablo Picassos erinnern, daher wohl die Namensgebung. - Als nächstes fällt der gewaltige, ungewöhnlich hinter der stirnseitigen Verglasung des Wagenendes mit dem Packabteil positionierte und von außen deutlich sichtbare Dieselmotor ins Auge. Dessen Leistung von etwas über 300 PS erinnert den deutschen Bahnfan ebenso wie der brachial klingende Auspuff sofort an die zweiachsigen Uerdinger Schienenbusse der Baureihe VT 98, die zweifelsohne auch im Hinblick auf den Einsatzbereich als Pendant gelten dürfen. Zwar könnte man die Konzeption des französischen „Picasso“ eigentlich eher mit ebenfalls vierachsigen deutschen Konstruktionen wie zum Beispiel dem VT 60.5 oder 627.0 vergleichen, doch entstammen all diese Fahrzeuge anderen Zeitepochen.

 

Der Triebfahrzeugführer sitzt in den ab 1950 in Dienst gestellten SNCF-Triebwagen quer zur Fahrtrichtung und mit der Brust zur Wagenmitte, sein Blick fällt also entweder über die rechte oder linke Schulter zur jeweiligen Frontscheibe. Ein häufiger Fahrtrichtungswechsel kommt wohl der Vermeidung einer einseitigen Genickstarre sehr entgegen, nutzt aber wenig, um Gehörschäden zu verhindern. -  Die Geräuschkulisse in der über einen Aufstieg vom Packabteil her zu erreichenden engen Führerkanzel könnte mit der deutschen V 200.0 konkurrieren! –

 

Ziemlich geräuscharm und recht angenehm erlebt dagegen der Fahrgast die Reise im stirnseitigen Abteil des anderen Wagenendes. Etwas befremdlich wirkt nur jenes ungewohnte Gefühl, sich in einem scheinbar führerlosen Zug zu befinden: Ganz vorn hinter den Frontscheiben, wo im deutschen Schienenbus der Triebfahrzeugführer seiner Arbeit nachgeht, sitzen im „Autorail Picasso“ ausschließlich Fahrgäste...

 

Arques wurde durch seine Glasfabrik europaweit bekannt. Auch in der Bundesrepublik Deutschland sind Importprodukte von dort allgegenwärtig (man untersuche nur einmal aufmerksam den Inhalt des eigenen Küchenschranks). Spuren an der Ladestraße in Arques zeugen ebenso von der einstigen Bedeutung dieser Glasindustrie für die Bahn wie die ehemalige Umladehalle, in welcher der Museumsbahn-Verein derzeit unter anderem eine in Polen erworbene, ehemals deutsche Kriegslokomotive der Baureihe 52 betriebsfähig aufarbeitet. Zukünftig soll auch dieses Fahrzeug, - geschichtlich durchaus authentisch, - auf der Bahnstrecke entlang des Flüsschens „Aa“ zum Einsatz kommen.

 

Zahlreiche automatische Bahnübergänge mussten eingerichtet werden, um die Nebenstrecke als Museumsbahn nutzen zu können, - die ersten gleich nach dem Verlassen des Bahnhofs Arques. - Industriegebäude einer großen Papierfabrik säumen jenen Streckenabschnitt, ehe der durch die SNCF zum Haltepunkt rückgebaute Bahnhof von Blendecques erreicht wird.

 

Ein touristischer Höhepunkt des Aatals wird kurz vor dem ehemaligen Bahnhof der Ortschaft Wizernes erreicht: Hier wurde eigens ein neuer Haltepunkt eingerichtet. „La Coupole“ („die Kuppel“) heißt das hier ansässige Museum zur Geschichte des zweiten Weltkriegs. Seine Besonderheit ist die Anordnung im Inneren eines Berges unter einer fünfeinhalb Meter starken Betonkuppel. Die deutsche Wehrmacht ließ das nie fertiggestellte Bauwerk unter strengster Geheimhaltung kurz vor Kriegsende als hochtechnisierte Anlage für Vorbereitung und Abschuss von V2-Raketen gegen Großbritannien errichten. 55000 Tonnen Beton wurden ab 1944 per Bahn vom Zementwerk in Lumbres zu dieser Großbaustelle bei Wizernes transportiert.

Vor allem jenes heutige Museum rechtfertigt den geplanten, – in Frankreich sicherlich eher ungewöhnlichen – Einsatz einer deutschen Kriegslokomotive für touristische Zwecke.

 

Auch in Hallines, dem nächsten Halt unseres Triebwagens, geht es geschichtsträchtig weiter: Hier existiert noch heute der 1942 erbaute unterirdische Komplex „Rouge Mont“, wo die berühmte „Organisation Todt“ zu Kriegszeiten Zuflucht fand. Fritz Todt zeichnete als Ingenieur bei der Verwirklichung des Westwalls verantwortlich.

 

Kurz nach dem Haltepunkt unterquert das Gleis die Autobahn Calais-Reims. Ohne Halt wird momentan Esquerdes sowie ein Museum zur Papierherstellung samt angegliedertem Naturlehrpfad namens „Maison du Papier“ passiert. Weitere Industriegebäude wechseln sich mit herrlichster Flusslandschaft ab. Der Bahnsteig von Setques lädt ein, von hier aus Wanderungen oder Radtouren durch die reizvolle Natur rund um Lumbres zu unternehmen. Diese Gegend wurde offiziell als Naturpark anerkannt.

 

Von beachtlicher Größe präsentiert sich auch heute noch der Bahnhof Lumbres, - Endpunkt des „Autorail Picasso“. - Überragt wird die Anlage noch immer von der riesigen Zementfabrik, welche bis zuletzt für genügend Frachtaufkommen sorgte.

 

Zwei „Picasso“-Motorwagen betreibt der rührige Museumsbahn-Verein, - den X 3817 sowie X 3853, - ein noch nicht aufgearbeiteter Beiwagen steht in Arques auf dem Abstellgleis.

Die Gleisanlage dieser französischen Nebenstrecke allein ist allerdings bereits ein abenteuerliches Erlebnis: Schienenstoß reiht sich an Schienenstoß, zumeist mit sogar von der Seite her deutlich sichtbaren Höhen-Absätzen! – „Tatamm-tatamm,“ das alte „Lied des Zuges,“ ist im Tal der Aa also noch längst nicht verklungen…

 

Michael Robert Gauß

 

 

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Stand: 02. März 2009